Dorothea Glöckner über „ Der Ursprung des Ausdrucks“:

(...) „Was ist Abbild und was ist Urbild? Findet der Maler einen Ausdruck für das, was er in seinem Inneren trägt? Oder setzt sein Werk ihm Spuren auf? Auf jeden Fall sind beide zu anderen geworden: der Maler und das Bild. Noch stellt der Pinsel eine Brücke zwischen beiden dar, doch bald schon wird die Verbindung gekappt.

Wer dem Maler begegnet, trifft ihn verändert. Sein Werk aber, das ihm – und dem er – die Spuren aufsetzte, steht für sich selbst. Beide, Maler und Werk, tragen eine sichtbare und eine entzogene Hälfte ihrer selbst mit sich herum. Wer sie verstehen will, wird beides suchen müssen: das Sichtbare und das Entzogene. Unsichtbar ist es nicht, was jedem nun fehlt. Doch selten nur werden Meister und Werk fortan zur gleichen Zeit nebeneinander stehen. Sollte dagegen die Verbindung zwischen ihnen – wenn überhaupt – jemals wieder hergestellt werden, so kann dies nur in einem künstlichen Akt geschehen. Auf unmittelbare Weise werden Künstler und Bild nie wieder miteinander verbunden sein.

Die Trennung aber ist langsam geschehen. Worte wurden nicht gesagt. Durch eine Schöpfung aber, die zugleich Tat ist, ist etwas unwiderruflich geworden. Ein Zeichen ist gesetzt, das seine doppelte Spur hinterlässt.” (...)  

Dr. Ros Sachsse-Schadt über „ballen”:

(...)  „Die Arbeit benennt (Lück) ... nicht zufällig „ballen“. Bewusst hat er das Verb gewählt, um sich aktiv zu positionieren. Als Mensch ist er zwar ungefragt in diese Welt hineingeboren, im Video auf dem Boden liegend auf hunderten von schwarzen Gummibändern, die für gegebene Strukturen, aber auch für ungeordnetes Chaos stehen können. Aktiv verändernd greift der Künstler ein und schafft eine Form durch subjektive, spontane Handlungen. Das Verstecken des eigentlichen Vorgangs unter dem weißen Hemd lässt sich als notwendiger Selbstschutz des Individuums deuten.

Dabei bringt er etwas Neues, Eigenes hervor und macht seinem Zuschauer das Angebot, das Geschehen für sich zum Anlass eigenen Erlebens zu machen.“ (...)

Märkischen Oderzeitung über „ [einen  ]“:

(...)  „Lück hat in zwei gegenüberliegenden, abgedunkelten Räumen eine Lampe aufgebaut, die mit Handdynamos verkabelt ist und vor der eine Pflanze auf einer Holzklemme steht. Als Ausstellungsbesucher muss man folgendes machen: Kurbeln bis es Licht gibt, sich auf den Boden legen, den Kopf in die Klemme stecken und rüber auf den anderen Blumentopf schauen. Was sich wie eine unter Marihuana-Einfluss ausgeknobelte Versuchsanordnung anhört, ist für Malte Lück ein ernstzunehmendes Bündeln von Energie zur Zukunftsgestaltung. „Man muss Arbeit investieren, um Licht zu erzeugen,. mann muss zur Ruhe kommen und hat einen gerichteten Blick nach vorn“, sagt er. Es soll ein Modell sein, wie sich Gegenwart und Zukunft vereinen ließen. „[einen ]“ hat er seine Ausstellung in Frankfurt deshalb genannt.  Was diese Installation von Unsinn unterscheidet, ist die Ernsthaftigkeit, mit der Malte Lück Weltansichten hinterfragt.“ (...)

Gudrun Velten über „Laufbahn“:

(...) „Mit einem weißen Sweat-Shirt bekleidet und dem Aufdruck „Die Würde sitzt im Nacken” und also genau dort, wo sich bei Malte Lück nicht unbedingt die Angst, wenngleich imho ganz sicher der Schalck, laut Malte Lück hingegen auf jeden Fall die Würde befindet, schreitet Malte Lück eine weiße Tapetenbahn entlang. Auf den Rücken hat er sich ein mannshohes Rohr gebunden, welches mit einem Pinsel endet. Neben der Bahn stehen kleine Töpfchen mit schwarzer Farbe. Malte Lück hält an diesen Stationen inne, gießt den Inhalt in das Rohr auf seinem Rücken und zeichnet so seinen Weg, seine Laufbahn also im konkretesten Sinne des Wortes nach. Malte Lück rollt seine Laufbahn sodann auf, analog eines Lebenslaufes, in dem die einzelnen Stationen, um sie für Dritte zusammenzutragen, noch einmal aufgerollt werden. Der Spruch: „Ihr müßt Euch aber auch um das Kind kümmern” und ein anschließender Blick nach oben in die Kamera verraten einen tiefen Glauben daran, daß es da bestimmt jemanden, einen Gott, gibt, der uns beobachtet.“ (...)

Christel Aring über „relinquo“:

(...) „Drittes Sehen: Spüren! Mit verbundenen Augen - die weiße Gestalt vor Augen, halte ich selbst meine Arme ausgestreckt, solange ich kann. Ich kann jetzt die Kraft spüren, aber auch die Anstrengung und den Schmerz...

Dann sehe ich mir die Bilder an und verstehe: das Kabel ist in die Ärmel eingenäht, es ist tatsächlich eine Art Geschirr und ich stelle­ mir vor: ich verbinde meine Augen, streife die Ärmel über, breite­ meine Arme aus – und es wird hell. Ich selbst sehe nichts, ich muss daran glauben, dass es hell wird und die Welt und ich in Licht getaucht sind. Ich muss daran glauben (und bin damit überhaupt erst handlungsfähig), dass das, was ich tue, etwas (Gutes) bewirkt, auch wenn ich es nicht (unmittelbar) sehe.  relinquo als Parabel über den Glauben – Glauben als Grund­lage und Ausgangspunkt aller, auch wissenschaftlicher Forschung und Erkenntnis.


Ich habe relinquo seitdem noch einige Male gesehen. Es ist mir so fremd und vertraut, rätselhaft und verständlich wie beim ersten Sehen geblieben. Paradoxon, Koan, Parabel – relinquo hat meine Gedanken weit schweifen und mich gar die Grenzen­ meiner physischen Kraft und schließlich auch den Schmerz spüren lassen, dabei sich jedoch wie der Horizont beim Näherkommen gleichbleibend entzogen. Es kann wie jedes poetische Werk, wenn überhaupt, seine Erklärungen nur in seiner eigenen Sprache finden, in der Poesie.“ (...)

Ute Remus über „Häutling.“:

(...) „Malte Lück (...) bezeichnet den Protagonisten als Häutling  und legt ihm einen Satz in den Mund: „Ich bin verwundbar, doch ihr trefft mich nicht.“ Der Protagonist, siegfriedgleich mit verwundbarer Stelle im Rücken, ist aber kein Held und kein Häuptling. Er ist einer,  der um seine Verletzlichkeit und um seine Feinde weiß. Ein Häutling trägt keine Waffe, er ist keiner, der im Zweikampf siegt, kein Drachenblutgebadeter, der sich unschlagbar wähnt. Er ist einer, der seine Verwundbarkeit zugibt. Sein Wesen ist es, sich  zu häuten – die alte Haut abzustreifen und auf die neue zu warten. Verwundungen können diesen Prozess beschleunigen. Verwundete Haut wird abgestoßen und es bildet sich mit der Zeit eine neue. Ein Feind will treffen, sonst macht der Angriff keinen Sinn. Er aber, der Häutling, nimmt dem Angriff die Spitze: „Doch ihr trefft mich nicht“, diesen entwaffnenden Satz hält er seinen Angreifern entgegen. Oder ruft ihn hinterher. Spricht ihn aus, egal ob sie ihn hören. Wieso ist er sich da eigentlich so sicher? Weil er sich diesen blöden schuppigen Rückenpanzer umgeschnallt hat, weil der Stab der Feinde keine Spitze hat? Es bleibt sein Geheimnis, woher er die Sicherheit nimmt.

(...) Die Requisiten liegen am Schluss auf dem Boden: Der Panzer, die Schale und das T-Shirt mit dem Stab. Dinge mit Aufforderungscharakter. Der Betrachter kann zum Angreifer werden oder zum Opfer, kann sich bei vergeblichen Befreiungsversuchen selbst beobachten und in Versuchung geraten zu klagen. Die Häutlingssätze werden ihn begleiten.

Das Geheimnis der nüchternen Handlung verschließt die Wunde.“


Malte Lück: „Kennst du einen Menschen, der sich nicht verletzt hat? Der noch nicht verwundet war? Die Wunde gehört zum Menschen dazu. Es kommt jedoch darauf an, wie wir damit umgehen (...)”

Dr. Christoph Kivelitz über „lebliches“:

(...) „ In einer bis aufs Äußerste reduzierten Versuchsanordnung formuliert Malte Lück ein szenisches Sinnbild, das sich modellhaft auf soziale und individuelle Realitäten und Befindlichkeiten beziehen lässt. Er zeigt eine Situation der Erstarrung und Apathie, die zwar das Fortbestehen des Systems garantiert, doch jede Perspektive auf Entwicklung und Veränderung ausschließt. Erst die Begegnung zweier Menschen, das Aufeinanderzugehen und die wechselseitige Hilfestellung bringen den Impuls für eine Erneuerung, die schließlich auch Denken und Fühlen, logisches und intuitives Begreifen, körperhaftes und geistiges Erkennen wieder in Einklang zusammenführt. So setzt der Künstler den Impuls, im zwischenmenschlichen Dialog und durch gemeinschaftliches Handeln die Gesellschaft selbst als „lebliches“ zu betrachten und zu erleben.“   


Malte Lück: „Es ist für unsere Kultur bezeichnend, dass wir so einen Begriff wie „lebliches” nicht haben. Wir wissen, was sterblich ist – etwas, das lebt und sterben kann. Wir wissen aber nicht, was beseelt werden kann und wie dieser Vorgang funktioniert (...). Der Begriff „lebliches” ist abgeleitet vom Wort „sterbliches” – und stellt die Frage in den Raum, was und wie Leben sein kann.  „Lebliches“ ist nicht zwingend an einen Körper gebunden – auch Ideen können diesen Prozess/Zustand einnehmen – den Schritt vom Nichts, zum Nicht sein, zum Entstehen, zum Leben. In der Antike war der Begriff „Leben” gleich bedeutend mit der Fähigkeit, sich selbst zu bewegen. Wie können wir also selbst „lebliches“ schaffen? Eine sehr spannende Thematik, der ich Lösungsansätze geben will.”

Erik Schönenberg über „Abbild“:

„ (...) Malte Lück führte die ca. fünfzehnminütige Performance „Bild und Abbild“ im Neuen Kunstverein Wuppertal im Rahmen der Ausstellung „Love & Hate Wuppertal“ auf. Weniger der Bezug zur Stadt stand hier im Vordergrund, als das reziproke Verhältnis scheinbar diametraler Zustände, wie es sich auch in dem Begriff ‚Hassliebe’ zeigt. Gleichzeitig verweist der Titel der Performance auf ein Verhältnis von Bild und Abbild, welches sich einerseits auf Vorstellungen bezieht, andererseits auf die Konstituierung und das Verhalten von Personen durch diese. Das Bild als Objekt, die weiße, auf einen Keilrahmen gespannte Leinwand, die auf dem Rücken getragen wird, ist somit konkretes Objekt, Repräsentation der möglichen Vorstellungen, die auf sie projiziert werden und schließlich Zeichen der Bürde, die wir durch diese Vorstellungen mit uns tragen.

Die im Verlauf der Performance erlangte Befreiung von der Leinwand ist somit auch Befreiung von den Vorstellungen, den Selbst- und Fremdbildern, die wir – in der Regel unbewusst – mit uns herumtragen und die unser Erleben und Handeln bestimmen. Der in der Performance ohne Worte und körperlich vollzogene Akt der Befreiung zeigt zudem, dass es sich nicht allein um einen rationalen Akt handeln kann, sondern um einen Prozess, der den Menschen in seinem umfassenden körperlichen und emotionalen Sein betrifft. Malte Lück führt damit in seiner Performance auch einen Prozess zunehmender Selbstverantwortung vor, eine Befreiung aus der Unmündigkeit des Menschen und aus dessen gesellschaftlicher Determination, die allerdings – darauf verweist auch die Umklammerung des Objekts am Ende – nur durch eine Auseinandersetzung mit den Vorstellungen und in der Gesellschaft erreicht werden kann.“

Gisela Burkamp über „richten“:

„ Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist …? Keine Antwort. Zunächst.  Alles weiß, unschuldig, unbeschrieben. Der Zaungast dieser weißen Szenerie 'richtet' seine Augen gebannt auf einen weiß gekleideten Mann, dessen Augen weiß verbunden sind. Justitia 'richtet'? Barfuß steht der Mann auf dem weißen Boden und bewegt, schiebt, 'richtet' eine weiße Metallstange wie einen überlangen Fühler im Halbkreis tastend um sich. Die Stange scharrt über den Boden, macht Stille hörbar.

Der Mann streckt den Arm weiter aus, noch weiter, nach wiederholter Drehung trifft die Stange klirrend auf das Glas einer dreiviertelvollen Milchflasche.

Der Zaungast hatte sie längst gesehen, hatte auf die Berührung gewartet. Nichts gesehen hatte der Mann, aber gehofft, vielleicht gewusst, schließlich gespürt und gehört. Tastsinn, Hörsinn übernehmen die Aufgabe des Sehsinns. Der Mann legt den Metallstab beim Anschlag auf die Flasche auf den Boden. Sie gibt ihm 'Richtung' vor und er hangelt sich vorsichtig an ihr entlang bis zur Flasche, öffnet sie und trinkt. Verschließt die Flasche mit dem weißen Deckel und legt das Stabende darauf. Genau darauf  'richten' sich jetzt die entbundenen Augen in der nächsten Sequenz, in der nur der Kopf des Mannes und der Flaschenverschluss mit dem Stabende ins Bild kommen. Sekunden verharrt er so, hält Zeit an.

„richten I – III“ nennt Malte Lück, der weiß gekleidete Künstler, diese Performance, die eine Bildfolge generiert aus Gebärden, Dingen, Tönen, Farben, Licht, Schatten. Als direkter Zeuge oder als Betrachter des nur Sekunden dauernden Films, als miterlebender 'Richter' über ein verstörendes Seherleben verharrt man auf der Schwelle der Sinneswahrnehmungen in einem anonymen Weiß-Raum, in dem Leben, Existieren als zielgerichtetes Handeln in eine Bild-Gebärden-Sprache chiffriert wird. Eine Deutungsmöglichkeit.

'Richten'- nach innen, nach außen, über etwas. Wohin?

Malte Lück macht Staunen und wirft den Betrachter auf sich selbst zurück.

Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist: Ich. Du.“

Dr. Wolfgang Zumdick über „Häutling.“ im Interview mit Malte Lück:

(...) „Vielleicht solltest du etwas über deinen inneren Antrieb erzählen. Was hat dich veranlasst, in dieser Radikalität in Erscheinung zu treten? Ich habe das Gefühl, du gehst immer aufs Ganze, eine Spur Fanatismus ist dabei, aber in einem positiven, hart an der Sache orientierten Sinn. Das war auch bei Beuys zu spüren. Extreme Kompromisslosigkeit in der Sache und zugleich Anteilnahme, Wärme, Mitgefühl. Eine Art erlöster, ins positive gewendeter Fanatismus. Das Gegenteil von Teilnahmslosigkeit also, das spüre ich auch bei dir.“ (...)

Franziska Eißner über Malte Lück:

„Malte Lück, Jahrgang 1973, lebt und arbeitet in Köln.

In seinem künstlerischen Oeuvre beschäftigt er sich mit komplexen Fragestellungen des Lebens, das bedeutet für ihn: mit dem Mensch-Sein ansich. Um einer Definition des Mensch-Seins näher zu kommen, muss man an bestehende körperliche und geistige Grenzen gelangen. Und erst durch Überschreitung dieser Grenzen kann das Nicht-Mehr-Mensch-Sein zu einer Konkretation gelangen, um so das Menschliche umso deutlicher erfahrbar werden zu lassen, auch visuell sichtbarer, oder eben gefühlter Ebene.

Seine Aktionen tragen dabei rituelle Elemente, die in diesem Sinne von einer genauen Choreographie, sowie der Reduktion der Geste auf eine wiederkehrende Symbolik geprägt sind. Mit den Mitteln der Kunst kann so der Entwurf einer Antwort auf existenzielle Fragen des Lebens gegeben werden. Dabei werden in seinem umfangreichen Schaffen immer wieder die Bereiche von Selbstreflektion und Selbstverortung interpretiert, entweder im Kontexte von Subjekt und Gesellschaft, oder von Innen und Außen der eigenen Person, als Reziproke gesellschaftlicher Prozesse.“

Matthias Roller über „ballen”:

(...)  Ein Mensch liegt in einem Feld von Gummibändern. Ein Mensch verleibt sich diese Bänder unter seiner Kleidung ein. Ein Mensch gebiert nach einigem Nesteln und Gefummel unter seiner Neutralkleidung einen Gummiball. Der Mensch ist der Künstler, Malte Lück.

Diffuses Nichts – wieder ist der Lichtstreif zu sehen, ist und war ein Stück Papier und wird im Moment von einem abrupten Vorgang in zwei Teile zerrissen. Irgendetwas ist jetzt passiert.


ballen 1: Seht her, hier sind ganz viele harmlose Gummibänder. Normalerweise wird damit ein Plan oder ein Plakat zu einer Rolle verbunden. Aber jetzt nicht. Jetzt liegen sie auf dem Boden, und auf dem Boden sehen sie hübsch aus, wie Blumen auf einer Wiese. Der träumende Mensch pflückt diese Blumen, nimmt sie auf und ballt die Gummibänder zu einem runden Objekt. Ein Ball, etwas zum Spielen, ein Designobjekt, ein origineller Briefbeschwerer, oder vielleicht doch ein Wurfgeschoss, wie das... „Gummidepot orange. Die Suche hat ein Ende. Ihre Gummibänder befinden sich nun stets in Ihrem Blickfeld. Auch als Anti-Stressball sehr empfehlenswert… Größe: Durchmesser 7 cm. Farbe: orange-weiß. Gewicht: 165 g. Von Cedon.“
Das Impressum der Website des Betreibers von Museumsshops erklärt: „Unsere Philosophie (...): Als Betreiber von Museumsshops hat sich C. im Laufe der letzten 13 Jahre als Vorreiter in diesem besonderen Marktsegment einen Namen gemacht: mit viel Kreativität und Qualitätsbewusstsein schlägt C. die Brücke zwischen Kunst und Kommerzialität (...)“ Das hat uns gerade noch gefehlt.

Künstler Lück „ballt“ zurück. Ein triviales Endprodukt einer einfältig operierenden Ausschlachtungsindustrie wird von Malte Lück durch das Erzählen einer poetischen Geschichte wieder in die Aura des künstlerischen Kosmos zurück entführt.


ballen 2 : Wir sehen nichts. Es passiert nichts. Vielleicht wollen wir es auch nicht sehen. Die herrschenden Ordnungen in Systemen sind größtenteils stabil, wollte man es gesellschaftlich betrachten häufig sehr ungerecht.

Eine Performance: Drei Männer stehen auf einem Podest, einem gestaffelten Siegerpodest. Mexiko Stadt, Olympische Spiele 1968, 16.10., Siegerehrung 200-m-Finale der Männer.

Zwei der Leichtathleten sind schwarze US-Amerikaner. Sie stehen da in ihren Trainingsanzügen, ein vertrautes Bild, doch es gibt da kleine Abweichungen. Sie tragen keine Schuhe, stehen da in Strümpfen, tragen Perlenketten, jeder hat einen Button des Olympic Project for Human Rights (OPHR) angeheftet, einer trägt seine Trainingsjacke offen. Tommie Smith und John Carlos haben es geschafft, die Gold- und die Bronzemedaille im 200-m-Sprint der Herren war allerdings „nur“ ein Vorwand. Jetzt, da die Nationalhymne ertönt und die ganze Welt zusieht, strecken sie jeder mit gesenktem Kopf einen Arm in die Höhe. Tommie den rechten, John den linken3 und ballen die in schwarzen Lederhandschuh gestülpte Hand zu protestierenden Faust.

Auch der dritte Sportler, der Australier Peter Norman, trägt den Button der beiden US-Athleten. Aus Solidarität.

Wir sehen nichts. Doch jetzt ist etwas passiert, etwas hat sich verändert, wurde verändert. ... ballen, ein Anstoß zu einer Veränderung.


Der Künstler Malte Lück: Japan 1933 - In dem Essay Lob der Meisterschaft beschreibt der japanische Schriftsteller  Tanizaki Jun’ichiro die geinin, die Schauspieler bzw. Meister des traditionellen japanischen Kabukitheaters. Die geinin bestechen nicht durch Perfektion oder Virtuosität, sondern durch die antrainierte gewissenhafte Eindrücklichkeit ihres Spiels.

„Sie äußern sich nicht über Kunstauffassungen, sondern verlassen sich auf Ihre Fähigkeiten – besonnen, vorsichtig, je nach Umständen sogar unterwürfig (...). Die geinin (...) bewahren gerade in ihrer Tollpatschigkeit viel Wärme und Liebenswürdigkeit. Sowohl zu den Menschen (als auch) ... zu ihrer Meisterschaft entwickelt man sehr leicht ein inniges Verhältnis.“

Presseartikel aus Zeitungen und Zeitschriften auf Anfrage

„Was die Installation von Unsinn unterscheidet, ist die Ernsthaftigkeit,

mit der Malte Lück Weltansichten hinterfragt.“


Märkischen Oderzeitung

Dr. Wolfgang Zumdick über „erstehen“:

(...) „Malte Lück hat diese Richtkraft, die uns ruft und aufweckt, im Glück gefunden und erlebt. Das Glück ist der innere Botschafter, der uns zeigt, was es heißt, im Leben aufrecht zu stehen. Erst in dieser klaren Achse, im Vollbesitz dieser klaren Linie zwischen oben und unten, die uns im Moment des Glücks durchströmt und zu ganzen und heilen Menschen macht, können wir einen Moment lang fassen, was es im emphatischen Sinne heißt, Mensch zu sein.

Das echte Glück, nicht das, das uns durch einen Lotteriegewinn ereilt, das erlebte, innere Glück gibt uns einen Vorschein von dem, was Menschen möglich ist.

Zugleich ist das Glück ein Kraftfeld, eine Kraftzentrale - denn wer das Glück erlebt, spürt auch in sich eine Energie, die es ermöglicht, andere Dinge zu tun und die Anderen und das Andere mit anderen Augen zu sehen. Der romantische Dichter Novalis hatte so etwas im Blick, wenn er von romantisieren sprach. Indem ich etwas mit den Augen der Liebe – und dies ist in gewisser Weise ein Synonym für den Zustand erlebten Glücks – betrachte, so zeigt es mir seine wahre, innere Seite, eine Seite, die ich mit dem kalten, oberflächlichen Blick ohne Zuwendung und Teilnahme gar nicht erleben kann.

Der liebende Blick bringt das andere zum Erwachen. - Wieder so ein „er-Begriff“, mit dem wir die Dinge wachrufen und beleben. Mit den Augen des Liebenden, das heißt jenem das Glück in seiner tiefsten Dimension Erlebenden wird es uns möglich, hinter die Verschleierungen des Lebens direkt in sein Zentrum zu schauen.

Vielleicht sind es Dimensionen wie diese, die Malte Lück mit seiner Aktion aktivieren möchte. Eine Vergewisserung über eine innere Qualität, die wir im Leben nicht ausreichend würdigen: das Glück. Und daher sollten wir dem Glück – wenn es uns begegnet und wenn wir es für uns schaffen – mehr, sehr viel mehr Aufmerksamkeit schenken.

Wenn ich es richtig sehe, hat der an den Kreuzbalken gebundene Aktivist in Lücks Aktion diesen genutzt, um ihn aus der Waagerechten in die Senkrechte zu drehen. Das fesselnde Objekt, von dem er sich befreit, das er anschließend als Waffe gegen sein Herz als dem Lebenszentrum und Zentrum unserer Anteilnahme richtet, wird nun als Richtkraft erfahren und genutzt. In diesem Triptychon des Gefesselten, sich selbst Richtenden und schließlich Auferstehenden hat Lück ein Archetyp formuliert: den Triumph des Entfesselten, sich seiner inneren Werte und Herz-Kräfte inne-werdenden Individuums, das, dieses Glück erlebend, er-steht.“

Dr. Eberhard Wolff über „schichtenhorchen“:

Schichtenhorchen – was ist das? Kann man schichtenhorchen? Kann man denn Schichten nicht nur sehen? Aufeinanderschichten? Übereinanderlegen? Abtragen? Beschreiben? Aber horchen? Mit all diesen mit Schichten verbundenen Tätigkeiten, sind wir mitten im Nachdenken über die Performance bzw. in der Mitte der Fragen, was wir uns mit dem Sehen einer Performance, mit dem Erleben einer Performance antun. Was sollen wir dabei tun? Ist schichtenhorchen nicht auch eine Aufforderung an den, der einer Performance zusieht?

Nein, erst einmal doch eben nicht. Denn der, der die Performance beginnt, durchführt und zu Ende führt, ruft schichtenhorchen zuallererst sich selbst zu. Horche die Schichten ab, horche in sie hinein, was sagen sie dir, was rauschen sie dir zu? Liege nicht nur gekrümmt auf den zwölf Schalbrettern herum. Lass  alles, was aus den harsch aufgebohrten Löchern und den unregelmäßig ausgebrochenen Scharten im Holz aufsteigt in dich hinein.

Löcher, Scharten? Nein, denn wie sich überraschend für den Zuschauer herausstellt, sind die Löcher vergrößerte stilisierte Negativformen des menschlichen Ohres. Das hatte man als Zuschauer zunächst nicht sehen können. Der Künstler verdeckte ja mit seinem Körper die Ohrmuschel-Löcher und die Scharten mit seinem Körper.

Immer noch sitzt du da, Performance-Zuschauer, ohne schon zu ahnen, was schichtenhorchen ist, werden wird, sein soll. Was die Performance hergeben wird, was sie für dich bedeuten wird. Aber schon jetzt geht ein Geist-Zauber davon aus, ohne dass sich eine Ahnung davon im Raum ausbreitet, wie sich die zwölf weißen, schartigen Schalbretter während der Performance verändern werden, was sie  dann später darstellen.

Man wird in atemloser Stille gehalten, im Respekt vor dem Künstler, dessen tiefernste Konzentration zu spüren ist.  Zu sehen gibt es nur bedächtiges Handeln, kultischen Handlungen angenähert, die offenbar selbstverständlich Stille, Respekt und Aufmerksamkeit abfordern. Im Verlauf der Performance ist das Aufstellen und die unerwartete Veränderung der zwölf weißen Tafeln zu erleben. Der Verlauf nimmt nicht nur den Körper des Künstlers und dessen arbeitende Hände mit, gelenkt werden auch die Augen und das Nachdenken, das Nachfühlen der Zuschauers, so dass sich am Ende  das Geheimnis der Performance entfaltet. Geheimnis der Kunst – Geheimnis der Zuwendung – Geheimnis des Glaubens.  Durch die Schichten abgehorcht, Schicht um Schicht vor Augen geführt.  

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